Presse

Passauer Neue Presse am 28.10.2017

Die Leinwand-Helden: Integration im Filmsaal

In Trostberg können Mütter aller Kulturen, Nationen und Religionen einmal im Monat kostenlos ins Frauenkino

 

Petra Grond

 

Trostberg. Ein Sprichwort sagt: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen. In diesen politisch sensiblen und aufgeregten Zeiten muss man zwar selbst mit uralten Redewendungen vorsichtig sein. Doch in diesem Fall passt das Sprichwort ziemlich genau: Weil es eine Reihe von Frauen gibt, denen ein normaler Kinobesuch unmöglich ist, gibt es in Trostberg seit neuestem einmal im Monat einen Kino-Nachmittag für sie. Die Gründe, warum man diese Frauen sonst nie im Kino sähe? Vielleicht, weil sie kein Geld haben für solchen „Luxus“. Oder weil sie nicht wissen, wo sie ihre kleinen Kinder lassen sollen, die doch keinen ganzen Film lang stillsitzen können. Oder weil sie so erzogen worden sind, dass sie sich unwohl fühlen, mit fremden Männern in einem geschlossenen öffentlichen Raum zu sein. Sie alle, „Frauen aller Kulturen, Religionen und Nationen“, sind nun an jedem letzten Montag im Monat eingeladen, kostenlos für einige Zeit alle Differenzen zu vergessen und im „Frauenkino“ unbeschwert einen Film zu genießen und miteinander zu lachen.

Bei der ersten Vorführung im September kamen gleich einmal 48 Frauen und Kinder. Elf Nationen waren vertreten, denn es waren neben der Trostberger Tafel, der Arbeiterwohlfahrt, dem Arbeitskreis „Hilfe für Notleidende“, der Kolpingfamilie und den kirchlichen Einrichtungen vor allem die ehrenamtlichen Flüchtlingsschulen – die Brückenschule und die Andreasschule – sowie die türkische Gemeinde, die die Werbetrommel für das „Frauenkino“ gerührt hatten. Initiiert worden ist das Projekt ebenfalls von einer „Migrantin“, die allerdings schon lange in Bayern und in Trostberg daheim ist: der gebürtigen Deutschen mit Schweizer Pass Marie Theres Kroetz Relin. Auch sie braucht einen regelmäßig zu verlängernden Aufenthaltstitel, um hier leben zu dürfen. Zu Wahlen gehen darf auch sie nicht.

Kroetz Relin (51) waren Frauen und ihre Befreiung aus Rollen-Zwängen schon immer ein Herzensanliegen. Nachdem sie sich mühsam aus der Tochter-Position frei gekämpft hatte, fand sich die Schauspielerin schon in jungen Jahren nur allzu schnell in der Situation der Dichter-Gattin, Dreifach-Mutter und Hausfrau wieder. Und zettelte vor 15 Jahren prompt eine „Hausfrauen-Revolution“ an. Die Revolution ist still geworden, doch Kroetz Relin kämpft weiter. Seit zwei Jahren darum, dass geflüchtete Frauen in Trostberg ein neues Leben beginnen können. Als ehrenamtliche Lehrerin an der Brückenschule bringt sie „ihren Ladies“ Deutschland bei – Sprache, Gepflogenheiten, Lebensart. „Mütter sind nun mal die Basis unserer Gesellschaft. Ohne uns geht nichts. Weltweit.“ Mit anderen engagierten Trostbergerinnen, aber auch mit den Frauen aus Afghanistan, Bangladesch, dem Irak, Iran, Eritrea, Somalia, Russland … erkennt sie zunehmend, wie viel mehr die Frauen verbindet als trennt. „Ich lebe seit zwölf Jahren in Trostberg. Richtig integriert bin ich aber erst seit zwei Jahren. Durch die Flüchtlinge und die Brückenschule. Plötzlich merke ich, dass ganz viele ehrenamtlich Engagierte genauso ticken wie ich. Menschen mit Herzensbildung. Ich hatte sie all die Jahre übersehen. Ich muss blind gewesen sein.“

Aber nicht nur um Neuankömmlinge geht es. „Wie können wir Mitbürgerinnen mit ausländischen Wurzeln in unserer Gesellschaft integrieren, wenn wir unsere eigenen Frauen, Mütter, Familien vergessen?“, fragte sich Kroetz Relin. „Viele Frauen haben in irgendeiner Form traumatische Erlebnisse durchlebt. Das kann durch Flucht, Armut, Co-Abhängigkeit, sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt und/oder einfach durch Überlastung bedingt sein. All diese Frauen sollen für eineinhalb Stunden eine kleine Verschnaufpause vom Alltag genießen dürfen.“

„Stadtkino“-Betreiber Christoph Loster (61) fand den Ansatz vielversprechend und stellt dem „Orga-Team“ aus Kroetz Relin, Brigitte Bartl, Marianne Penn und Simone Ishaq sein Kino zur Verfügung. Zumal er auch auf die Unterstützung der Medien- und Kommunikationsfachstelle der Erzdiözese München-Freising zählen konnte, die den Film jeweils für eine Vorführung liefert. „Ich glaube, dass Integration ohne Frauen nicht funktionieren kann. Deshalb finde ich das einen guten Ansatz, den ich als Programm-Kino gerne unterstütze“, sagt Loster. Und so gab es Ende September zum ersten Mal Frauenkino in Trostberg.

Rund 200 Vorstellungen bietet Loster pro Monat in seinen drei Sälen an, darunter an jedem dritten Samstag im Rahmen einer Landkreis-Initiative auch einen Film, der sich ausdrücklich an Familien mit Kind(ern) wendet und gerade einmal einen Euro pro Person kostet. Wer hätte da gedacht, dass ein einziger Nachmittagstermin pro Monat einen Aufstand im Netz auslösen würde? Doch was auf die Veranstalterinnen des Frauenkinos niederprasselte, war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Shitstorm“, ein Sturm der Entrüstung, formuliert in vulgärster Fäkalsprache, gespickt mit sexuellen Beleidigungen und bei Hitler und seinen Nachfolgern entliehenen Mord-Drohungen. Auch von „Scharia-Kino“ war die Rede – als ob es nicht seit Jahren bereits „Ladies First“- und „Echte Kerle“-Previews beispielsweise in Passau gäbe, Damen- und Herrensauna, Frauenparkplätze und Männerstammtische. Dabei waren es interessanterweise weit überwiegend Männer, die sich zu Wort meldeten. Einige wenige Frauen beklagten, dass die Initiatorinnen dem Islamismus und der Ausgrenzung der Frauen Vorschub leisteten. Integration und Emanzipation könnten doch wohl kaum gelingen,wenn man den frauenfeindlichen Vorgaben fremder Kulturen nachgebe. Gut gemeint sei eben noch nicht gut gemacht, so ihr Tenor.

Kroetz Relin hält dagegen: „Nach unserem ersten Kino sind mehrere Frauen neu in die Brückenschule gekommen, die Deutsch lernen wollen und sich vorher einfach nicht getraut haben. Ich finde, das spricht für sich.“

Zudem gab es ja von anderer Seite viel positive Resonanz: So stärkt Bürgermeister Karl Schleid (CSU) den Frauen und ihrem Kino-Projekt den Rücken und machte es im Stadtblatt publik. Verschiedene Medien berichteten anerkennend über die Initiative. Das Frauenkino geht weiter – als nächstes am Montag, 30. Oktober, um 15.30 Uhr. Was sie sich für diese und die nächsten Vorführungen wünscht? Marie Theres Kroetz Relin: „Völkerverbindend den Horizont zu erweitern – auch den eigenen.“

 © Petra Grond – Erschienen in der Passauer Neuen Presse am 28.10.2017

 

Passauer Neue Presse – Niederbayrische Version im Original als PDF

Trostberg Tagblatt – Oberbayerische Version als PDF

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Trostberger Tagblatt am 27.09.2017

Ein geschützter Raum für Frauen

Erste Frauen-Vorführung im Stadtkino Trostberg gut besucht – Marie Theres Kroetz-Relin zufrieden

Trostberg. Die erste Kinovorstellung im Stadtkino nur für Frauen aller Kulturen und Nationen war mit 50 Besucherinnen samt Kinder ein großer Erfolg. Bei einem Zeichentrick hatten sowohl die Kinder als auch die Frauen aus Deutschland, Afghanistan, Rußland, Eritrea, Nigeria, Somalia, Iran, Irak, Pakistan und Bangladesh viel Spaß.

Die Idee zu diesem Frauenkino war Marie Theres Kroetz-Relin bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Lehrerin in der Brückenschule gekommen. Die Frauengruppe war zum Abschluss des Schuljahres ins Kino eingeladen gewesen. Es kamen nur wenige Frauen, dafür aber mehr Ehemänner aus dem muslimischen Kulturkreis mit den Kindern. Auf die Frage, warum den die Frauen nicht gekommen seien, gab es die Auskunft, dass es etwa für eine afghanische Frau unmöglich sei, sich mit einem anderen Mann außer ihrem Ehemann in einem geschlossenen Raum aufzuhalten.

Das wollte die 51-jährige Schauspielerin nicht so stehen lassen. Ihre Recherche ergab, dass es in Deutschland kein Kino gibt, in dem sich Frauen quasi unter sich treffen können. Vorbild ist für Kroetz-Relin das Frauenkino im afghanischen Kabul. Dort war in den vergangenen 15 Jahren das Kino ausschließlich der männlichen Bevölkerung vorbehalten. Dies wollte der 34jährige Abu Bakar Gharzai, der das erste Frauenkino im März dieses Jahres eröffnet hat ändern: Für seine Frau wollte er einen Ort, an dem sie weder belästig noch angegriffen wird.

Kroetz-Relin, die selbst Migrationshintergrund hat, wie sie sagt, organisiert das Frauenkino aber nicht nur für Geflüchtete. Es spiele keine Rolle, ob eine Besucherin deutsch oder etwa afghanisch ist, Muslima oder Christin, ob sie Kopftuch trägt oder offene Haare.

In Trostberg gibt es über 300 Bedürftige, 240 Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge, über 25 Kindertafelnutzer, sowie viele Familien und Alleinerziehende die sich einen Kinobesuch nicht leisten können. Einmal im Monat, am letzten Montag eines Monats sollen nun Frauen und Kindern dieser Gruppe kostenlos das Kino besuchen dürfen.

Zum ersten Nachmittag waren Frauen und Mütter aus den ehrenamtlichen Schulen (Brückenschule und Andreasschule), der Trostberger Tafel, der Arbeiterwohlfahrt, Betreute des Arbeitskreises „Hilfe für Notleidende“, Frauen der türkischen Gemeinde, der Kolpingsfamilie, den kirchlichen Einrichtungen und der Kindergärten – kurz, alle Frauen die ihren Euro zweimal umdrehen müssen, waren eingeladen.

„Mütter sind die Basis unserer Gesellschaft. Wenn wir es nicht schaffen, Mütter und Frauen aller Kulturen geschützte Freiräume zu bieten, wird sich unsere Gesellschaft sehr einseitig entwickeln. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die weibliche Integration, auf kulturelle Art, ein wenig voran zu treiben.“ gibt sich Kroetz-Relin kämpferisch.

In einem ersten Schritt ist ihr das gelungen. Mit Kinobetreiber Christoph Loster und dem Organistationsteam der Brückenschule (Brigitte Bartl, Marianne Penn und Simone Ishaq), sowie Medien und Kommunikation, Fachstelle der Erzdiözese München-Freising hat Kroetz-Relin die richtigen Partner gefunden.

In gelöster Stimmung sprachen die Damen miteinander. Meist auf Deutsch. Auch wenn einige Besucherinnen den Text des Zeichentrickfilmes nicht komplett verstanden, sprach die Handlung für sich. Das Schicksal des kleinen Hauptdarstellers  im Film ähnelt im Grundsatz dem der Frauen.  Der Löwe muss seinen Platz im Leben suchen und sich dabei großen Herausforderungen stellen,  schwierige Situationen durchleben und Kompromisse schließen, damit am Schluss Friede und Eintracht herrscht.

Bei den Frauen aus Deutschland und den verschiedensten Herkunftsländern ist dies nicht anders. „Emanzipation will gelernt sein.“ weiß Marie-Theres Kroetz-Relin. „Hat man dies verinnerlicht, erreicht jede Frau Selbstbewusstsein. Die Toleranz steigt, und ein Miteinander unter den Kulturkreisen wird möglich“, ist sich die Trostbergerin sicher. „Trostberg ist nur eine Kleinstadt. Doch wenn die Integration hier im Kleinen gelingt, gelingt sie auch im Großen.“

Die Schauspielerin denkt schon weiter: an ein Frauentheater, Frauenausflüge, Frauenstunden im Schwimmbad und vieles mehr.

 

Das Frauenkino findet für jede interessierte Frau (auch aus der Umgebung) jeden letzten Montag im Monat um 15.30 Uhr statt.

© Christine Limmer, erschienen im Trostberger Tagblatt am 27.09.2017

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BamS – Kann ein Mann mit einer Hausfrau auf Augenhöhe sein?

Zitate aus dem Artikel:

Schauspielerin Marie Theres Kroetz Relin (50), die schon vor 15 Jahren die „Hausfrauenrevolution“ ausrief, sagt es einfacher: „Wer das Geld verdient, hat das Sagen. Wir können uns das schön reden, aber am Ende funktioniert das so. Deshalb habe ich ja so für eine staatliche Anerkennung der Leistung der Hausfrau gekämpft. Aber da stehen wir noch am gleichen Punkt wie vor 15 Jahren.“

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„Was Albig gesagt hat, ist hart, aber leider wahr,“ sagt Marie Theres Kroetz-Relin. „Ganz oft ist die Situation in deutschen Familien genau so. Die Frage ist nur: Wie sieht seine Ex-Frau ihn? Vielleicht empfindet sie es auch schon lange so, dass er nicht mehr ihrem Niveau und Interessen entspricht? Viele Hausfrauen sind gefangen im Haushalt, ja. Und viele können nicht raus, weil sie nicht abgesichert sind. Für viele Hausfrauen droht der soziale Abstieg, wenn sie sich trennen. Ich würde mir wünschen, dass die Hausfrauen in Deutschland mehr für ihre Rechte aufstehen würden. Wir haben keine Lobby, dabei gäbe es ohne uns keine Gesellschaft. Es gibt Paare, die sich frei entscheiden können, ob und wie viel beide arbeiten. Aber es gibt auch viele, da muss einer zuhause bleiben, weil die Fremd-Betreuung den Verdienst auffressen oder auch gar nicht möglich ist. Und wenn Dein Mann dann den besseren Job hat, dann bist Du es eben. Die Anerkennung, die es dafür gibt, ist einfach erbärmlich. Du trägst ja dazu bei, die kommende Gesellschaft zu formen, die kommenden Renten-Einzahler. Aber selbst bekommst Du nix dafür. Außer vielleicht, dass Dein Kerl Dich irgendwann gegen eine Jüngere austauscht.“

Original – Artikel hier als PDF:

Erschienen in Bild am Sonntag am 14. Mai 2017 – Autoren: Dorothee Apel, Nils Mertens und Daniel Peters

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… im Pressearchiv kann man alle Artikel nachlesen.

Die Neuen müssen erst geschrieben werden.

Stern 1987 - Foto Tassilo Trost
                         (Foto Tassilo Trost – Stern 1987)