Wasserburger Zeitung – Hollywood am Inn

Hollywood am Inn: Wie der Wasserburger Pizzabäcker Enzo zum Schauspieler wurde

Gastronom Enzo i in seiner Traumrolle: als Biker. Der Wasserburger Gastronom spielt im Film „Hannes“ mit und hat hier auch sein Lokal als Drehort bereitgestellt. re

Was haben die verstorbenen Stars Maria Schell und Hannelore Elsner, die Schauspielerin und Autorin Marie Theres Kroetz Relin, die Bestsellerschriftstellerin Rita Falk, der Produzent und NDR-Talker Hubertus Meyer-Burckhardt und der Wasserburger Gastronom Enzo gemeinsam? Einen Bezug zur „Filmstadt“ Wasserburg.

Wasserburg – Pferdeschwanz, gegeltes schwarz-graues Haar, große Brille, auffälliger Silberschmuck, Tätowierungen: Gastronom Enzo ist ein schillernder Typ. Und auch das von ihm gepachtete Lokal, das Unterauer-Haus an der Roten Brücke, fällt optisch mit seiner über dem Inn schwebenden Terrasse aus dem Rahmen. Haus und Wirt gleichermaßen stachen Filmproduzent Nils Dünker und Regisseur Hans Steinbichler im vergangenen Sommer ins Auge. Sie entschlossen sich, die Lokalität als Drehort für den Film „Hannes“ nach einem Buch von Autorin Rita Falk (Eberhofer-Krimis) zu nutzen. Und so begann im September 2018 die Schauspielerkarriere von Enzo de Tursi, die Wasserburg – mal wieder – zur Filmstadt machte.

Auftritt im Film als Rocker und Streithansl

Enzo das Angebot von Produzent Dünker, in seiner Gaststätte die Weihnachts- und Silvesterszene des Films „Hannes“ zu drehen, gerne an. Für den geschäftstüchtigen Gastwirt, der fünf Jahre die Badria-Gastronomie betrieben hatte und damals neu anfing im Unterauerhaus, war das die Chance, bekannt zu werden.

Sein unkonventionelles Auftreten bescherteEnzo bei einer ersten Produktionsbesprechung vor Ort ein zweites Angebot: „Ich will Dich auch haben – als Typ“, wünschte sich Regisseur Hans Steinbichler. Enzo sagte spontan zu, obwohl seine schauspielerischen Erfahrungen bis dahin auf einen Auftritt im Schultheater begrenzt waren. Doch er war auch Balletttänzer, hat eine Leidenschaft für die Kunst – für Malerei, Musik, Theater. Und für die Rolle, die ihm im Film „Hannes“ zugedacht wurde, musste er sich nicht groß verstellen: Enzo spielt einen Rocker. Das passt, denn der gebürtige Italiener ist begeisterter Biker. Gut trainiert ist er auch: Das Fitnessstudio ist Enzos zweite Heimat, die Muskeln lässt er gerne spielen.

Natürlich nicht so wie im Film, in dem er als Rocker den Streithansl macht. Im wahren Leben ist Enzo trotz seines knalligen Outfits und eines kraftstrotzenden Auftretens ein friedlicher Familienvater von drei erwachsenen Kindern mit großem Herzen. Als Rocker austeilen und selber Prügel kassieren, gar mit dem Kopf nach unten an einem Seil die Innbrücke hinunterhängen: Das hat ihm „wahnsinnig viel Spaß gemacht“. Obwohl: Die Schauspielerei war auch „sehr, sehr anstrengend“, erinnert er sich. 14 Stunden lang wurde an einem Tag Ende Oktober 2018 in seinem Lokal gedreht, es folgten weitere Aufnahmen im Studio. Zu einer Zeit, als Enzo parallel auch die Eröffnung seines Restaurants vorbereitete. „Doch ich habe es nicht bereut“, sagt er.

Viele Kontakte zu Schauspielern und Künstlern seien entstanden. Enzo tauchte tief ein in die Welt des Films – und warf danach viele Klischees über Bord. Regisseur, Darsteller, Kameraleute, Kostümbildern, Techniker: „Die waren zu 0,0 Prozent arrogant oder abgehoben, sondern haben schwer gearbeitet.“ Das Filmgeschäft, das weiß der aus Kalabrien stammende und seit sechs Jahren in Wasserburg lebende Koch und Hotelmanager jetzt, ist kein glitzerndes, oberflächiges Showspektakel, sondern Teil einer hart schuftenden Branche.

Kinofestival Region 18 holt die Stars aufs Land

Das Ergebnis der Arbeiten in Wasserburg, der Film „Hannes“ nach einem Roman von Rita Falk, kommt voraussichtlich am 30. April 2020 in die Kinos. Die Premiere wird mit großer Spannung erwartet, denn es ist der letzte Film, in dem die im April im Alter von 76 Jahren verstorbene Charakterschauspielerin Hannelore Elsner mitwirkte. Auch sie war bei den Dreharbeiten in Wasserburg – und stellte hier fest, dass in der Innstadt eine weitere Schauspielerin lebt, die sie seit vielen Jahren kennt: die Tochter von Maria Schell, Marie Theres Kroetz Relin. Diese war im Herbst 2018 zurück nach Wasserburg gezogen, wo sie mit ihrer Mutter mehrere Jahre der Kindheit verbracht hatte.

Holt die Stars in die Kinos der Region 18: Marie Theres Kroetz Relin (Zweite von rechts), hier mit Kinobetreiber Christoph Loster (Stadtkino Trostberg), Katja Ebstein sowie Regisseur Hans Steinbichler (rechts). Region 18

Marie Theres Kroetz Relin erinnert sich noch genau an den Tag, als sie mit Hannelore Elsner ein Telefongespräch führte, das ihr Leben verändern würde (Siehe Kasten): Es war der 1. November 2018. Zuerst plauderten die Beiden über die überraschende Erkenntnis, dass Hannelore Elsner in der neuen, alten Heimat von Marie Theres Kroetz Relin gedreht hatte, dann über den Traum der Schell-Tochter, ein eigenes Kinofestival in Wasserburg auf die Beine zu stellen. Hannelore Elsner zeigte sich begeistert von der Idee. Und motivierte Marie Theres Kroetz Relin, bei der Realisierung ihres Wunschprojektes größer zu denken.

So gestärkt rief diese das Kinofestival „Region 18“ ins Leben. Es holt die Stars aufs Land – in die Region 18, ein Raum, der die Landkreise Rosenheim, Traunstein, Mühldorf, Berchtesgadener Land und Altötting umfasst und in der 800.000 Einwohner leben. In vier beteiligten Programmkinos – darunter das Utopia in Wasserburg und Mikes Kino in Prien – rollt das „One-Woman-Unternehmen“ Marie Theres Kroetz Relin mit Unterstützung von Sponsoren Stars den roten Teppich aus. Diese zeigen ihre Lieblingsfilme – das müssen übrigens nicht die eigenen sein.

Hannelore Elsner sollte der erster Stargast sein

Hannelore Elsner sollte der erste Stargast sein, doch sie verstarb vorher. Ihr widmete das Festival nach dem Tod eine Retrospektive. An die Grande Dame des deutschen Films erinnerten im Utopia Wegbegleiter wie die Star-Fotografin Ingeborg Bock-Schroeder.

Produzent, Talker und Autor Hubertus Meyer-Burckhardt liest in Wasserburg. Stephan Pick

Auch Regisseur Hans Steinbichler, der mit Elsner „Hannes“ drehte, war schon da. Ebenso Sängerin Katja Ebstein. Anfang 2020 kommt Produzent, Autor und NDR-Talker Hubertus Meyer-Burckhardt in die Region 18. Am 30. Januar stellt er um 18 Uhr im Wasserburger Utopia und um 20.15 Uhr im Stadtkino Trostberg sowie am 31. Januar um 20 Uhr in Mikes Kino in Prien und um 17 Uhr im Park-Kino Reichenhall seinen Bestseller („Diese ganze Scheiße mit der Zeit“) und seinen Lieblingsstreifen vor: „Mein letzter Film“, ebenfalls mit Hannelore Elsner, die eine Schauspielerin verkörpert, die über ihr Leben monologisiert.

Auch Gisela Schneeberger und Eva Mattes haben zugesagt

Schauspielerin Gisela Schneeberger spricht über ihren Lieblingsfilm. Dpa

Weitere Stars hat Marie Theres Kroetz Relin, die gut vernetzt in der Szene ist, bereits angefragt. 2020 kommen voraussichtlich die Schauspielerinnen Gisela Schneeberger und Eva Mattes, die Regisseure Markus Rosenmüller und Professor Andreas Gruber von der Hochschule für Fernsehen und Film. Auch Ex-Mann Franz-Xaver Kroetz, Dramatiker und Schauspieler („Baby Schimmerlos“) gibt sich die Ehre.

Retrospektive für Maria Schell

Der größte Star ist für viele Wasserburger jedoch die „Mutter des Festivals“ selber: Marie Theres Kroetz Relin (53), seit einem Jahr Bürgerin der Stadt. Am Mittwoch, 15. Januar, wird in ihrem Beisein in Reitmehring die erste Maria-Schell-Straße in Deutschland eingeweiht – am 94. Geburtstag der berühmten Schauspielerin.

Am gleichen Tag startet um 18 Uhr zu Ehren der Mutter von Marie Theres Kroetz Relin eine Retrospektive im Rahmen des Festivals Region 18 mit Maria-Schell-Filmen in Wasserburg, Prien, Trostberg und Bad Reichenhall. Das Wasserburger Utopia zeigt unter anderem am 15. Januar „Die Pfarrhauskomödie“.

„Pfarrhauskomödie“ als Wasserburger Heimspiel

Die Produktion von 1972 gehört nicht zu den großen Filmen der Maria Schell, die auch in Hollywood drehte und viele internationale Preise erhielt, räumt ihre Tochter ein. Sie hat sich trotzdem für die „Pfarrhauskomödie“ entschieden, denn der Film ist „ein echtes Wasserburg-Heimspiel“ – gedreht am Inn und in Reisach mit heimischen Persönlichkeiten wie Künstler Willy Reichert. Auch Marie Theres Kroetz Relin, damals fünf Jahre alt, spielt mit. Ihr Vater Veit Relin war Regisseur.

Wasserburg als Filmstadt, das Festival „Region 18“ hat sich fest vorgenommen, diese Renaissance zu schaffen.

So erinnert sich Marie Theres Kroetz Relin an ihr Gespräch mit Hannelore Elsner

„Liebe Hannelore, Nils Dünker sagte mir, Du drehst gerade in Wasserburg? Ich wohne dort! Sehen wir uns?“ Es dauerte keine halbe Stunde und ich erhielt einen Anruf von ihr. 45 Minuten sprachen wir, es war herrlich, so vertraut. Hannelore hat mich durch mein Leben begleitet – mit tiefer Nähe trotz Ferne. „Ich hab eine Idee: 1 Kino 3 Filme 1 Star. Ich möchte Dich einladen, dass Du Filme zeigst, die Dir wichtig sind. Deine Filme. Willst Du mein Star sein und zu uns auf’s Land kommen – in die Region18?“ Sie machte eine kurze Pause. „Du weißt schon, dass ich gebürtige Burghausnerin bin? 3 Filme sind viel zu wenig. Das müssen mehr sein! Und klar: Ich komme!“

Charakterdarstellerin Hannelore Elsner drehte in Wasserburg. dpa

Es war ihr Feuer, das bei unserem Telefongespräch auf mich übersprang. Ihre Flamme wurde wie das Olympiafeuer weitergereicht und entfachte in mir eine Leidenschaft. Ich rannte mit der Eingebung los und der Gedanke an Region18 wuchs. Ich rief sie immer wieder mal an, hinterließ Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, manchmal aufgeregt ungestüm, ich wollte die Idee vorantreiben.

Am 7. Februar 2019 erreichte ich sie. Ich sprudelte vor Begeisterung. „Marie Theres, Du stresst mich gerade. Ich hab Deine Nachrichten angehört und ja, ich melde mich dazu,“ sagte sie sichtlich ungeduldig. Ich ruderte in Windeseile zurück und unterstrich dies mit einer SMS. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich ihre Stimme wieder hörte. „Marie Theres, entschuldige! Nicht Du stresst mich, es war die Situation.

Ich war beim Einkaufen, war mit vollen Tüten unterwegs und erwarte einen dringenden Anruf. Mein Handy war ganz unten im Netz und als ich es rausholen wollte, kullerten die Orangen vom Gehsteig auf die Straße. Ich war im Moment Deines Anrufs einfach überfordert. Aber ich komme, ganz sicher, versprochen. Ich finde Deine Idee großartig.“ Dazu kam es leider nicht mehr.

Karten und Infos zum Festival

Karten für die Lesung von Hubertus Meyer-Buckhardt gibt es in Wasserburg in der Buchhandlung Fabula und in Prien in der Buchhandlung Hartel. Alle Informationen zu den Filmen im Festival finden sich unter www.region18.de.

Der Film „Hannes“ nach Rita Falk

Die beiden 19-jährigen Moritz (Leonard Scheicher) und Hannes (Johannes Nussbaum) sind schon seit ihrer Geburt beste Freunde, auch wenn die beiden jungen Männer sehr unterschiedlich sind: Moritz ist verträumt und bringt sich immer wieder in Schwierigkeiten, während Hannes voller Lebenslust ist und genau weiß, wo er hin will. Doch dann ändert sich durch einen schicksalhaften Motorradunfall alles, denn Hannes wird schwer verletzt und fällt ins Koma. Obwohl unklar ist, ob er jemals wieder erwacht, glaubt Moritz fest an die Genesung seines besten Freundes. Er will fortan Hannes‘ Leben an dessen Stelle weiterleben, denn er sehnt sich nach Leben, Liebe und Freundschaft.

© von Heike Duczek, erschienen in OVB, Wasserburger Zeitung am 24.12.2019