PNP – Wir sollten uns erinnern …

 

Wir sollten uns erinnern …

Zum anstehenden 100. Geburtstag von Maria Schell hat ihre Tochter ein Geschenkpaket gepackt

von Petra Grond

Yes We Can, We Should, We Shall: Wir können, wir sollten, wir werden.

Zum Beispiel uns erinnern an eine der ganz großen deutschsprachigen Schauspielerinnen der 50er und 60er Jahre. Maria Schell würde am 15. Januar 100 Jahre alt werden. Sie starb vor 20 Jahren, am 26. April 2005. Den meisten Jungen sagt der Name wohl wenig bis gar nichts. Für viele Ältere hingegen war sie ein Idol, ein Wunschbild, das sie mit ihrer Jugend verbindet. Maria Schell und Dieter Borsche, Maria Schell und O.W. Fischer – Traumpaare.

Dafür muss man sich nicht schämen: Die Schauspielerin wurde von Herbert von Karajan umworben, ebenso wie von Charlie Chaplin oder Ernest Hemingway. Hans Dietrich Genscher saß gerne mit am Mittagstisch in der Villa in Heberthal bei Wasserburg. Elizabeth Taylor war Maria Schell eine gute Freundin in sehr persönlichen Lebensentscheidungen. Sie hatte den Schalk im Nacken – und verkörperte das Elend der Wäscherin Gervaise in dem gleichnamigen Film (nach Emile Zolas Sozialdrama „L’assommoir“) mit unvergesslicher Intensität. Dafür wurde sie 1956 bei den Filmfestspielen in Venedig mit der Coppa Volpi belohnt. Der Film war für den Oscar nominiert. Das waren, neben dem Großen Preis bei den Festspielen in Cannes, nur zwei von vielen Ehrungen, mit denen sie Kollegen und das Publikum überhäuften.

Wir sollten dabei aber die Frau hinter dem Glamour nicht übersehen. In ihren Erinnerungen schreibt Maria Schell auch von ihren Depressionen, gibt dezente Einblicke in ihre bipolare Krankheit, spielt einen Selbstmordversuch als „Seelen-Unfall“ herunter. Sie beschreibt die Einsamkeit, die gerade auch ihr Alter überschattete. Mit leichten Worten, die den Ernst nicht verbergen, erzählt sie von der gnadenlosen „Jagd“ der Medien bis in den letzten Winkel des Privaten. Und nicht zuletzt zeigt sich hinter der durchaus fortschrittlichen, emanzipierten Frau, die ihren Platz auch in jungen Jahren schon recht selbstbewusst zu behaupten wusste, eine abhängige Persönlichkeit. Schell verliebte sich nicht nur gerne in ihre Filmpartner. Hingebungsvoll stellt sie ihren Bruder Maximilian wie ihre beiden Ehemänner, vor allem aber den zweiten, Veit Relin, auf ein hohes Podest und erklärt ohne Ironie, dass „in einer Ehe der Mann das letzte und entscheidende Wort haben“ sollte. Ob notorisches Fremdgehen oder der „brutale Weg“, der „manchmal nicht ohne blaue Flecken“ abging: Anpassung und Unterwerfung unter den männlichen Willen funktionierten.

Wir könnten, wir sollten: Maria Schells Tochter Marie Theres Relin geht einen Schritt weiter und nennt ihr jüngstes Buch sowie die dazugehörige Lesereise „Yes We Schell“. Sie will und wird liebevoll und mit wachsendem Respekt an ihre Mutter erinnern. Und sie fragt, welche Themen sich als Muster durch die Familiengeschichte ziehen und was sich denn eigentlich geändert, verbessert hat in der Gesellschaft. In kurzen Abschnitten blickt sie auf die ungebrochene Überbewertung von Äußerlichkeiten (Diätenwahn schon bei ganz jungen Frauen, Unsichtbarkeit der älteren), die anhaltende, oft hinter väterlicher Jovialität kaum verborgene Frauenverachtung („Frauenförderung“ statt einfach Gleichberechtigung), die Sensationslust von Medien und deren Konsumenten und Konsumentinnen („Marketing kennt kein Taktgefühl“) und die Trägheit vieler Frauen, diese Unsitten lieber mitzutragen als sie zu verändern.

Das Buch ist kein zusammenhängender Text und keine reine Faktensammlung, sondern besteht aus liebenswerten, verwunderten, empörten, anklagenden Schlaglichtern. Das kann irritieren. Doch am Ende steht der trotzig-hoffnungsvolle Appell an die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland: Wir könnten nicht nur oder sollten, sondern wir werden etwas ändern: Yes, We Schell/Shall.

Petra Grond

Erschienen in der Passauer Neuen Presse am 10.01.2026.