
von Andreas Keller
Wenn ein geliebter Mensch nicht mehr unter uns ist – wer könnte sich dann besser an ihn erinnern, sein Andenken besser bewahren als eine Person, die ihr sehr nahe stand?Das dürfte unter anderem ihr Kind sein. Ein ganz besonderes und inniges Verhältnis zu ihrer Mutter hatte und hat hier die österreichisch-schweizerische Schauspielerin, Autorin und Journalistin Marie Theres Relin, Tochter der Schauspielerin Maria Schell und des Filmregisseurs Veit Relin. In ihrem im aktuellen Buch „Yes, We Schell“ gewährt sie einen ebenso informativen wie unterhaltsamen Blick auf das Leben ihrer berühmten Mutter und einiges mehr aus dem Umfeld der Familie. Im Rahmen einer musikalisch-literarischen Soirée las die Künstlerin am Sonntag in der ausverkauften „Scheune“ des Stadtmuseums aus ihrem Werk. Es sollte eine in mehrerer Hinsicht bemerkenswerte Veranstaltung werden.
Von Yul Brynner entdeckt
Maria Schell (1926-2005) war ein Kino-Weltstar, an deren Berühmtheit nur wenige andere europäische Filmschaffende in ihrer Zeit heranreichten. Einst von keinem Geringeren als Yul Brynner entdeckt, erhielt die Schauspielerin während ihrer langen Karriere zahlreiche Filmpreise und Ehrungen, war selbst in Hollywoodgeschätzt, traf ungezählte Prominente aus Kultur, Politik und Gesellschaft. So wundert es nicht, dass auch Schells Tochter Marie Theres bereits in ihrer Jugend mit vielen dieser Größen in Berührung kam – und später auch selbst als bei Film und Fernsehen aktive und bekannte Akteurin viele persönliche Bekanntschaften machte.
Dementsprechend wusste Relin bei ihrem Auftritt in Kaiserslautern viel Interessantes und Aufhorchenswertes von solchen Begegnungen zu berichten. Während ihres lebendigen Vortrags, den sie oft mit unterschiedlichem Sprachduktus wiedergab und bisweilen geradezu szenisch aufbereitete, fielen legendäre Namen wie Friedrich Dürrenmatt und Glenn Ford, Mick Jagger und David Bowie, Klaus Maria Brandauer (mit dem Maria Schell, so erfuhr man, aus Spaß regelrechte „Heul-Wettbewerbe“ veranstaltete) und Herbert von Karajan, der einer blutjungen Marie Theres Relin dereinst großes Talent bescheinigte. Die nackte Grace Jones
An den ehemaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat sie eine weniger gute Kindheitserinnerung: Dessen Hubschrauber zerrupfte beim Landeanflug immer die Blumen im elterlichen Garten. Und in New York war Marie Theres Relin einmal zu Besuch bei Grace Jones – die ihr nackt die Tür öffnete.
Die Geschichten konnten anhaltend fesseln. Gespannt hörte ihr das Publikum zu, staunte über die Anekdoten, schmunzelte über die Bonmots aus Maria Schells Leben oder jenem ihrer Tochter. Passgenaue Begleitung
Aber Marie Theres Relin sparte auch die ernsteren Seiten im Leben insbesondere ihrer Mutter nicht aus. Ein kritischer Zeitungsartikel über Maria Schell, das letzte Mutter-Tochter-Gespräch, der bedrückende Medienrummel unmittelbar nach dem Tod der großen Schauspielerin – Marie Theres Relin setzte unter anderem auch diese Facetten in das große Bild ihrer Mutter und das ihrer Familie ein.
Es waren nicht nur literarische Mosaiksteinchen, die während der Veranstaltung gesetzt wurden. Relin kam nämlich nicht allein ins Stadtmuseum (und auch nicht zum ersten Mal). Ihr zur Seite stand der Kaiserslauterer Musiker Michael Halberstadt, der mit Stimme und Gitarre die Lesung bereicherte – mal solo mit zur Person Maria Schells passenden Liedern („Marie“ von Randy Newman etwa), mal im kongenialen Duett mit Relin, wovon das vor langer Zeit von ihren Eltern eingespielte „Rasenbank am Elterngrab“ mit das eindrücklichste war. Zwei Profis auf der Bühne
Die musikalisch gelungene Kooperation von Halberstadt und Relin kommt im Übrigen nicht von ungefähr, denn beide haben mit Hans-Erich Halberstadt und Veit Relin hoch-musikalische Väter. Selbst als an einer Stelle des gemeinsamen Vortrags die Zusammenarbeit einmal nicht recht klappen wollte, „überspielte“ man die Stelle einfach und fing noch einmal an. Man ist eben auf beiden Seiten Profi.
Aufgewertet wurde die Kaiserslauterer Soirée nicht zuletzt dadurch, dass sie nur wenige Tage nach Maria Schells 100. Geburtstag und in Anwesenheit des Schweizer Konsuls in Deutschland, Thomas Kalau, stattfand. So wurde diese Veranstaltung endgültig zu einer bemerkenswerten Hommage für eine bemerkenswerte Frau.
Erschienen in Die Rheinpfalz am 20.02.2026 © Andreas Keller